Porsche auf Rezept: "Maria, ihm schmeckt’s nicht!" und "Das Pubertier“-Autor Jan Weiler

Shownotes

In der vierten Folge von „Ich nehm’ das Gleiche“, dem Promi-Podcast der BNN, ist Bestsellerautor Jan Weiler zu Gast und bestellt eine Apfelschorle, für ihn der „Champagner des kleinen Mannes“.

Der Autor von „Maria, ihm schmeckt’s nicht!“ und den „Pubertier“-Geschichten erzählt, warum das Schreiben seine große Stärke ist, während er sich in vielen anderen Dingen für eher durchschnittlich hält. Er spricht über seinen Weg vom Werbetexter und Journalisten zum Schriftsteller – und darüber, wie sein erster Roman eher beiläufig entstand und schließlich zum millionenfach verkauften Bestseller wurde.

Sehr persönlich wird das Gespräch, als Jan Weiler von einer lebensgefährlichen Erkrankung im Jahr 2002 berichtet. Wochenlang ignorierte er massive Bauchschmerzen, bis ein Notarzt ihm unmissverständlich sagte: „Sie sterben gerade.“ Die anschließende Notoperation und eine Begegnung mit einem Psychologen in der Reha veränderten seinen Blick auf das Leben grundlegend. Seitdem ist für ihn klar: „Dinge, die man wirklich tun möchte, sollte man tun, wenn man dazu in der Lage ist.“

Außerdem spricht Jan Weiler über seine Kinder als vermeintliche Vorbilder für die „Pubertier“-Figuren, seine „Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz“ und sein Buch „Das Vogelhaus“, in dem es um Ängste geht, die Menschen ein Leben lang begleiten.

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00:00:00: Jan Weiler: Also ich war ein völlig überarbeiteter Idiot und war dann in dieser Reha, da gab es einen Psychologen, der fragte mich nach Träumen, nach Dingen, die ich mir wünsche, die ich gerne hätte.

00:00:12: Bernd Kammleitner (BNN): Haben Sie dann irgendeinen Traum schon vorgezogen und dann auch aktuell nach der Reha gelebt? Gibt es da irgendwas, was Sie sagen, das mache ich jetzt gleich?

00:00:20: Jan Weiler: Also das ist jetzt wahnsinnig profan, aber ich habe mir einen Porsche gekauft.

00:00:26: Bernd Kammleitner (BNN): Der hat mir das regelrecht befohlen, der Typ.

00:00:33: Jan Weiler: Ich nehme das Gleiche, der Promi-Podcast der badischen neuesten Nachrichten.

00:00:44: Bernd Kammleitner (BNN): Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Ich nehme das Gleiche, dem Podcast der badischen neuesten Nachrichten. Mein Name ist Bernd Kammleitner, mein heutiger Gast Jan Weiler. Hallo Herr Weiler.

00:00:57: Jan Weiler: Hallo, danke für die Einladung.

00:00:58: Bernd Kammleitner (BNN): Sie hatten hoffentlich eine gute Anreise nach Baden-Baden.

00:01:01: Jan Weiler: Ich hatte eine gute Anreise. Es war erstaunlich weit von Bregenz mit dem Auto. Man braucht dreieinhalb Stunden. Und wenn man nicht in der Nähe wohnt, dann denkt man sich, das kann ja nicht so weit weg sein.

00:01:14: Bernd Kammleitner (BNN): Wir haben ja den Podcast unter dem Motto, ich nehme das Gleiche. Sie haben schon sich ihr Getränk eingegossen. Es sollte Apfelschorle sein, die beste Apfelschorle aus Baden-Baden. Wie sind Sie denn zufrieden mit der Apfelschorle?

00:01:28: Jan Weiler: Ich finde sie sehr gut. Also sie ist säuerlich genug. Sie darf ja nicht zu süß sein. Ich probiere nochmal einen kleinen Schluck.

00:01:36: Bernd Kammleitner (BNN): Herrlich.

00:01:36: Jan Weiler: Für mich ist Apfelschorle der Champagner des kleinen Mannes. Und wann trinken Sie den? So oft ich kann.

00:01:44: Bernd Kammleitner (BNN): Jeder Schluck ein Scheunenfest. Wunderbar. Jetzt muss ich Ihnen ein kleines Geständnis machen. Das ist jetzt nicht der Apfelsaft direkt aus Baden-Baden, sondern aus dem Nachbartal. Aber ich glaube, das können wir hinnehmen, oder?

00:01:56: Jan Weiler: Damit komme ich klar. Okay, ja, ja. Also Hauptsache es ist nicht dieser Industrie-Apfelpunch da, so von der Tanke, das kann ich nicht trinken natürlich. Aber überall wo ich hinkomme, möchte ich immer Apfelschorle haben und man wird selten enttäuscht. Es gibt in Deutschland fabelhafte Äpfel. Auch sehr viele alte Sorten, die da noch verfügbar sind.

00:02:18: Bernd Kammleitner (BNN): Ja, ja, ja, das stimmt. Okay. Gut, bevor wir richtig einsteigen, gibt es denn eine Frage, die Sie nicht mehr hören können?

00:02:28: Jan Weiler: Nee, also es gibt Fragen, die mir wahnsinnig oft gestellt werden. Und dann denke ich mir immer, klar, ich habe diese Frage schon eine Million Mal gestellt bekommen, aber derjenige, der sie stellt, stellt sie ja zum ersten Mal in seinem Leben. Und deswegen steht es mir eigentlich nicht zu, mich darüber aufzuregen, wenn Leute immer dasselbe fragen. Also die Frage, die dann immer kommt, ist, was sagen eigentlich ihre Kinder dazu, dass sie immer diese Geschichten machen? Das ist die Frage, die ich dauernd beantworten muss seit 12, 14 Jahren. Seit Sie als freier Schriftsteller tätig sind. Nee, seit ich diese Pubertiergeschichten mache. Also seit es das Pubertier gab, das kam 2014 raus, das Buch, ist das, glaube ich, die am häufigsten gestellte Frage.

00:03:15: Bernd Kammleitner (BNN): Vielleicht noch was auch Aktuelles. Christian Ullmann ist ja momentan in aller Munde. Er war auch in dem Film, wo Sie das Buch dazu geschrieben haben, Beria, ihm schmeckt es nicht. Wie stehen Sie denn zu Herrn Ullmann inzwischen?

00:03:30: Jan Weiler: Naja, also ich muss dazu sagen, ich habe Christian kennengelernt als ausgesprochen kollegialen, professionellen und talentierten Mann. Das ist eine Weile her, dass wir den Film gedreht haben. Das ist 15 Jahre her oder 16. Und so kenne ich ihn. Anders habe ich ihn nicht kennengelernt. Und deswegen maße ich mir kein Urteil darüber an, wie der jetzt ist oder so. Was er mutmaßlich getan hat, ist ausgesprochen widerlich. Und das weiß er selber. Und ich hoffe, dass da Menschen um ihn herum sind, die gut mit ihm umgehen und ihm irgendwie nahelegen, dazu zu stehen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen und die richtigen Dinge zu tun.

00:04:18: Bernd Kammleitner (BNN): Haben Sie noch Kontakt zu ihm? Nee. Nicht mehr?

00:04:20: Jan Weiler: Nee. Also wir hatten vor ein paar Jahren noch mal Kontakt und wie gesagt, ich fand jeden Kontakt mit Christian ausgesprochen angenehm.

00:04:30: Bernd Kammleitner (BNN): Könnten Sie sich auch vorstellen, noch mal mit ihm zusammenzuarbeiten für ein Projekt?

00:04:36: Jan Weiler: Ja, das ist halt schwierig, weil jetzt ist einfach der Ruf ruiniert und das Image versaut und wenn er tatsächlich auch was strafrechtlich Relevantes gemacht hat, dann wird das schwer, klar. Das kommt immer ein bisschen darauf an, wie jemand, der sowas angestellt hat, selbst damit umgeht. Ja. Auf welche Weise er sich dem stellt und wie er darüber spricht. Aber klar, wenn er einem die Chance dazu lässt, würde ich natürlich wieder mit ihm arbeiten. Also wenn sein Verhalten einem die Chance dazu lässt, sollte man auch wieder mit ihm arbeiten. Und es gibt an der Sache noch was anderes, weil jetzt auch diskutiert wird, zum Beispiel von ProSieben, klar, die haben jetzt erstmal alles auf Eis gelegt, was der jemals gemacht hat. Es gibt dann noch Leute, die meinen, Maria, mir schmeckt es nicht, dürfte man dann nicht mehr senden oder so. Und das halte ich für Schwachsinn, das ist Quatsch. Also da muss man schon auch ein bisschen Werk und Künstler trennen. Wenn man das nicht machen würde, dürfte man keine Oper von Richard Wagner aufführen. Und der war glühender Antisemit. Und trotzdem werden die Opern auch in Tel Aviv aufgeführt. Und in Baden-Baden. Und in Baden-Baden sowieso. Und ich finde bei Christian jetzt in einem ganz anderen Maßstab, natürlich kann man gar nicht miteinander vergleichen, ist es natürlich Unsinn, dass man jetzt sagt, also ein Film, der 16, 17 Jahre alt ist, den zeigen wir jetzt nicht mehr, weil der jetzt Scheiße gebaut hat. Das finde ich ein bisschen doof.

00:06:13: Bernd Kammleitner (BNN): Zumal der Film ja auch unter ganz anderen Voraussetzungen ist. Ja, natürlich, selbstverständlich, klar. Wir haben in unserem Format auch fünf Themenbereiche versteckt in fünf Umschlägen. Wir wollen jetzt nicht alle mit Ihnen besprechen, aber Sie dürfen drei ziehen. Entweder die Nummern oder Sie ziehen eine Farbe, wie Sie möchten.

00:06:34: Jan Weiler: Ich ziehe natürlich erstmal, also es handelt sich um rosa, um rot, um blau, um grün und um gelb. Ich nehme mal blau. Blau ist die 3.

00:06:43: Bernd Kammleitner (BNN): Sie dürfen noch zwei weitere ziehen. Ach so, ich darf noch zwei weitere. Dann nehme ich rosa. Rosa. Und ich nehme gelb. Okay, dann haben wir 3, 1, 5. 3, 1, 5. Ich muss kurz eine Notiz machen. 3, 1, 5 haben wir, ja genau. Genau. Sie dürfen schon mal eins öffnen. Also dann fangen wir mit 3. Ich habe 3 zuerst gezogen, dann mache ich 3 auch zuerst auf. Dann haben wir schon mal die erste Frage.

00:07:11: Jan Weiler: Herrlich. Das ist jetzt reiner Zufall. Haben Sie in Ihrem Leben einen Fehler begangen, den Sie besonders bereuen? Was war das? Also ich kann jetzt nicht mit strafrechtlich relevanten Dingen aufwarten. Ich habe tatsächlich in meinem Leben, und das ist wirklich wahr, ich habe noch nie etwas gemacht, wofür ich hätte verurteilt werden können.

00:07:46: UNBEKANNT: Okay.

00:07:47: Jan Weiler: Also ich bin ein geradezu panischer Steuerzahler und ich habe auch noch nie was geklaut oder so oder irgendwie mitgehen lassen. Das ist irgendwie so, ich mache sowas einfach gar nicht deswegen. Bei den Fehlern, die ich bereuen kann, sind es nur Fehler, die sich in meiner direkten Umgebung mit mir selber oder so abspielen können. Und abgesehen davon, dass man schon mal den Fehler gemacht hat, jemandem zu vertrauen, dem man vielleicht nicht hätte vertrauen sollen und zu gutgläubig gewesen oder so, fällt mir tatsächlich nur etwas unglaublich Profanes ein. Was ein Fehler war und was ich bereue, ist, dass ich in meiner Schulzeit das Fach Französisch so abgelehnt habe. Ich habe dann gesagt, was eben viele 15-, 16-, 17-Jährige sagen, ich fahre sowieso nie nach Frankreich. Und das war irrsinnig borniert. Und das bereue ich. Das bereue ich wirklich. Also ich würde mir so wünschen, dass ich diese Sprache spreche. Und dann kann man natürlich, also aus heutiger Sicht denke ich mir, du Trottel, du hast das ja geschenkt bekommen. Du musstest ja nicht mal was, heute in meinem jetzigen Leben muss ich für alles was bezahlen. Es gibt nichts umsonst. Und wenn ich eine Sprache lernen will, dann ist das ein teurer Spaß unter Umständen. Damals in der Schulzeit, die schenken dir das. Alles, was du machen musst, ist zuhören, zweimal eine Dreiviertelstunde in der Woche, die blöden Vokabeln lernen und so. Ich hatte aber keinen Bock darauf. Und er war ein Leistungsverweigerer. Bin auch wegen Französisch dann Pappen geblieben in der Schule. Und das, muss ich sagen, ärgert mich heute.

00:09:48: Bernd Kammleitner (BNN): Sprechen Sie noch Französisch?

00:09:49: Jan Weiler: Naja, ich spreche halt Schulfranzösisch, das hängen geblieben ist. Ich bin immer ganz erstaunt, dass das doch relativ viel ist. Aber natürlich nicht gut und nicht gut genug. Und ich bin immer sehr neidisch auf Leute, die viele Sprachen können. Ein Freund von mir spricht sechs Sprachen.

00:10:06: Bernd Kammleitner (BNN): Genau.

00:10:07: Jan Weiler: Und das finde ich toll. Also diese Möglichkeit, sich überall bewegen zu können, überall klar zu kommen, überall seine Gefühle ausdrücken zu können, finde ich sehr...

00:10:20: Bernd Kammleitner (BNN): Besonders. Gibt es denn noch irgendwas anderes, was Sie besonders schlecht können, wo Sie sagen, oh, das hätte ich mir auch nicht gewünscht, dass ich das besser kann?

00:10:29: Jan Weiler: Ich sage Ihnen, ich kann das meiste ziemlich schlecht. Also ich habe zum Glück die Entscheidung getroffen, das Einzige, was ich gut kann, mir zum Beruf zu machen. In allem anderen bin ich überaus durchschnittlich. Ich bin ein sehr schwacher Schlagzeuger. Ich bin ein sehr mäßiger Badmintonspieler. Ich bin ein sehr unfundierter Fußballkenner. Ich bin ein leidenschaftlicher, aber auch von keinen großen Erkenntnissen gekrönter Musikfachmann. Okay. Also eigentlich trifft das, was Sie sich von mir wünschen, nämlich, dass ich Ihnen sage, was ich alles nicht kann, auf praktisch alles zu. Ja, das soll es ja geben, aber Sie machen keinen unglücklichen Eindruck. Nein, das macht mich auch nicht unglücklich. Es gibt ja diesen schönen Begriff von der Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz und darin bin ich super.

00:11:25: Bernd Kammleitner (BNN): Mhm.

00:11:25: Jan Weiler: Also ich kann mir, weil ich das als Journalist früher musste und noch viel früher als Werbetexter, ich kann mir relativ schnell Wissen über Dinge aneignen, wenn ich sie brauche. Das ist nötig, das wissen Sie als Journalist, wenn Sie irgendwo hinfahren, es geht um irgendein Unternehmen und Sie sollen, weiß ich nicht, ein Porträt vom Besitzer machen, dann arbeiten Sie sich da in Zement oder in Blasfaser oder in irgendwas ein. Sie machen sich also für einen kurzen Moment zu sowas wie einem Experten für diese Dinge. Und das ist sehr bereichernd. Davon bleibt ja auch immer was hängen. Dieser Beruf Journalist ist deswegen eigentlich ein lebenslanger Lernberuf. Das ist sehr schön. Also man vergisst dann auch vieles wieder oder das verschwindet oder es wird dann irgendwann nicht mehr gebraucht und taucht irgendwo im Gehirn ganz weit hinten ab. Und dasselbe gilt halt eben auch für die Schriftstellerei. Man muss Dinge auch recherchieren, man muss die herausfinden. Also ich leide überhaupt nicht darunter, dass ich so viel nicht kann, weil alles, was ich können muss, auf die Schnelle mehr drauf schaffen kann.

00:12:36: Bernd Kammleitner (BNN): Wie hat das denn bei Ihnen angefangen mit dem Schreiben? Sie haben auch für eine Lokalzeitung gearbeitet, das waren die Anfänge. Wie ging das denn los?

00:12:44: Jan Weiler: Also das ging eigentlich so los, dass ich relativ früh bei mir selber festgestellt habe, dass ich eigentlich gut schreiben kann. Ich war gut in Deutsch. Und das ist leider nichts, was damals in den 70er, 80er Jahren groß gefördert worden wäre. Da sind die Schulen heute weiter. Wenn heute jemand erkannt wird, der sehr gut in Mathe ist oder in Bio oder in Musik, dann gibt es heute richtig tolle Förderungen dafür. Und das war damals nicht so. Da hat man dann eben halt gesagt, der ist halt gut in Deutsch, Punkt. Was man damit alles machen kann, wobei einem das hilft, hat man damals nicht groß. Da war man einfach froh, dass die Note auf dem Zeugnis zumindest einen irgendwie weiterbringt. Ich habe das aber sehr schnell gemerkt, dass mir alles, was damit zu tun hatte, irrsinnige Freude gemacht hat. Ich hatte einen wahnsinnigen Spaß daran, auch mir Dinge zu merken, von denen ich immer dachte, die kann ich später mal brauchen. Ich habe sehr, sehr früh, also mit acht, neun oder zehn, habe ich entschieden, dass ich schreiben werde, dass ich mein Leben lang nichts anderes machen werde. Und ich habe angefangen, Dinge zu memorieren. Ich sage Ihnen gleich ein Beispiel dafür. Ich habe angefangen, Dinge zu memorieren, von denen ich dachte, das Bild kannst du später mal brauchen. Also schon vorausschauend eigentlich. Ja, total. Also wir waren, als ich ein Junge war, acht oder neun, zehn, In Südtirol, in den Dolomiten, im Urlaub. Und da gab es eine Aufführung von irgendeiner Dorfkapelle. Die spielten da. Und ich stand hinter dem Posaunisten. Und der Posaunist, ich guckte dem immer auf den Nacken. Und der Nacken war so rot und so rissig. Der sah aus wie Servalatwurst. Und dieses Bild oder die Formulierung, ein Nacken wie Servalatwurst, Habe ich mir damals gemerkt, da war ich vielleicht in der vierten Klasse, und habe mir damals überlegt, du kannst den irgendwann mal brauchen, diesen Satz. Ich habe ihn dann 40 Jahre später irgendwann mal gebraucht. Und dafür gibt es viele Beispiele.

00:15:03: Bernd Kammleitner (BNN): Schön. Bevor wir gleich weitermachen, vielleicht machen wir die zweite Frage. Sie dürfen ein zweites Kuvert öffnen. Dann nehmen wir jetzt das gelbe Kuvert mit der Nummer 5.

00:15:16: Jan Weiler: Es raschelt ein wenig, meine Damen und Herren. Daran hören Sie, dass das nicht einfach nur behauptet ist, sondern es stellt sich die Frage, gab es in Ihrem Leben einen Wendepunkt? Was war das? Ja, den gab es. Den Wendepunkt gab es. Ich habe bis ins Jahr 2002... relativ straight so vor mich hingelebt. Alles hat sich auseinanderentwickelt. Ich hatte Frau und Familie und Karriere und das lief alles ganz gut. Und dann habe ich eine schwere Erkrankung bekommen. Also diese Wendepunkte im Leben sind, bei vielen Menschen sind das Erkrankungen. Das sind Herzinfarkte, Schlaganfälle, schwere Unfälle, solche Geschichten. Und in meinem Fall war es ein zweifacher Darmbruch. Das ist lebensgefährlich und wurde von mir überhaupt nicht richtig zur Kenntnis genommen. So wie das bei Männern oft der Fall ist. Ich war damals noch Chefredakteur im Magazin der Süddeutschen Zeitung und ich bin jeden Tag zur Arbeit gefahren. Ich hatte wahnsinnige Bauchschmerzen und habe mich dann da immer zur Arbeit gequält. Ich dachte immer, ich trinke wahrscheinlich zu viel Kaffee. Und in Wirklichkeit war es aber so, dass ein Sie müssen sich das so vorstellen, Sie kennen ja die alten Telefonkabel, also die vom Hörer zum Gerät, die so geringelt sind. Und Sie wissen ja, wenn sich das einmal so verdreht hat und Sie ziehen es dann wieder auseinander, es geht wieder in diese Fehlstellung zurück, das bleibt so ein komischer, verdrehter Gerät. Teil in diesem Telefonkabel und genauso kann sich der Darm auch verdrehen. Und das führt irgendwann dazu, dass die Darmperistaltik nicht mehr richtig funktioniert, dass das Material nicht mehr richtig dadurch transportiert wird und irgendwann staut sich das oder es geht nur noch ganz langsam und schlecht und dann entzündet sich das und wenn sich das entzündet hat und das aufbricht, dann sind sie innerhalb von Minuten tot. In dem Moment, wo dieses Material in den Bauchraum geht, sterben sie. Ich bin wochenlang mit dieser Erkrankung rumgelaufen, habe dann irgendwann gedacht, jetzt tut es aber sehr weh, bin ins Krankenhaus gegangen und die haben im Rahmen einer tragischen Fehldiagnose mir den Blinddarm entnommen.

00:17:54: Bernd Kammleitner (BNN): Auch noch?

00:17:55: Jan Weiler: Und kamen dann am nächsten Tag ins Krankenzimmer und sagten, wir haben eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute ist, ihr Blinddarm war völlig gesund. Die schlechte ist, wir haben keine Ahnung, was wir haben. Und haben mich einfach wieder entlassen. Ich bin dann wieder nach Hause. Ich bin dann wieder nach Hause. Blinddarm entnommen, noch mit dieser Wunde. Und das, was darunter war, was also wirklich schwerwiegend krank war, War nicht erkannt worden. Und dann habe ich mich noch zwei Tage zu Hause rumgequält und dann hat meine Frau gesagt, ich hole jetzt einen Notarzt, weil ich hatte keine Sekunde mehr geschlafen, war ganz grau im Gesicht und kam dieser Notarzt und dann habe ich, das muss man sich mal vorstellen, wie doof man sein kann, dann habe ich zu dem Typ gesagt, Oder ich fahre jetzt halt zur Arbeit und wenn es heute Mittag immer noch so schlecht ist, dann kann ich ja in München auch zum Arzt gehen. Und dann sagte der Typ, sie gehen nirgendwo hin, sie sterben gerade. Und was hat das bei Ihnen ausgelöst? War das dann so der Weckruf? Nee, der kam später. Der hat mich dann ins Krankenhaus gebracht. Dann haben die eine Notoperation gemacht. Dann haben die 50 cm Darm entfernt. Dann haben die das wieder zusammengebastelt. Dann bin ich in die Reha gekommen. Und in der Reha ... Da musste man dann, also ich war ein völlig überarbeiteter und völlig unkontrolliert, nicht auf sich selbst hörender Idiot. Und war dann in dieser Reha, da gab es einen Psychologen, der dann mit mir Gespräche geführt hat und das war der Wendepunkt.

00:19:33: Bernd Kammleitner (BNN): Mhm.

00:19:34: Jan Weiler: weil der fragte mich nach Träumen, nach Dingen, die ich mir wünsche, die ich gerne hätte. Und bei allem, was ich gesagt habe, habe ich immer gesagt, naja, das mache ich dann später mal. Also wenn die Kinder aus dem Haus sind oder wenn ich über 50 oder über 60 oder über 70 bin, dann kann man das und so. Und der sagte ja, die verschieben die ganze Zeit ihr Leben. Verschieben Sie nicht Ihr Leben, sondern leben Sie das jetzt. Sie haben ja gerade gemerkt, das kann ja übermorgen auch vorbei sein. Und dann hatten Sie es nicht. Und der Typ war ziemlich gut. Der war natürlich auch sehr erfahren, weil der natürlich in der Reha ständig solche Vögel wie mich da sitzen hatte. Und der hat mir dann ganz gut beigebracht, oder in den paar Wochen, die ich da war, in den Sitzungen, hat der mich sozusagen dazu überredet, mein Leben nochmal anders zu denken, nochmal anders darüber nachzudenken.

00:20:33: Bernd Kammleitner (BNN): Haben Sie dann irgendeinen Traum schon vorgezogen und dann auch aktuell nach der Reha gelebt? Gibt es da irgendwas, was Sie sagen, das mache ich jetzt gleich?

00:20:40: Jan Weiler: Also das ist jetzt wahnsinnig profan, aber es ist mit dem Porsche gekauft. Okay. So, und zwar, das war eine von den Sachen, wo der sagte, gibt es etwas, was Sie sich gerne kaufen, was Sie gerne hätten und so. Ja, ich hätte gerne einen 911er. Schönes Auto. Und dann sagte der, können Sie sich das kaufen? Da war gerade mal, war Maria ja gerade erst… Maria wurde da gerade zum Erfolg. Ich hatte plötzlich auch das Geld, mir das zu kaufen. Und da habe ich halt gesagt, das mache ich halt irgendwann mal, wenn ich so 60 bin. Oder sie fahren von der Reha einfach nach Hause und dann gehen sie mal dahin. Und dann kaufen sie sich mal so ein Auto. Der hat mir das regelrecht befohlen, der Typ. Ich habe den auch nicht so lange gehabt. Ich glaube, zwei, drei Jahre hatte ich den Wagen. Spielt auch keine Rolle. Entscheidend war, die Lektion daraus war, dass man Dinge, die man gerne möchte, wenn man sie kann, auch tun sollte.

00:21:44: Bernd Kammleitner (BNN): Mhm.

00:21:44: Jan Weiler: Und eben nicht sein Leben vor sich her prokrastiniert.

00:21:48: Bernd Kammleitner (BNN): Es ist ja oftmals so, wenn Menschen in der Reha sind, dann leuchtet einem das ein, was man da als Tipps mitbekommt. Aber wenn man dann wieder im Alltag ist, ist das schnell wieder vergessen. Ist das bei Ihnen immer noch im Bewusstsein?

00:22:00: Jan Weiler: Sie haben recht. Also als ich aus der Reha kam, bin ich zum ESZ-Magazin zurückgegangen. Ich war drei oder vier Monate nicht da. Und kam dahin und habe dann zu dem Geschäftsführer gesagt, wir machen das jetzt anders. Ich gehe um fünf. Weil ich habe einen Teil der Kindheit meiner Kinder bereits versäumt. Das möchte ich nicht mehr weiter so machen. Sie haben zwei Kinder, ne?

00:22:25: Bernd Kammleitner (BNN): Ja.

00:22:26: Jan Weiler: Und die waren ja damals auch noch klein. Und der hat gesagt, naja gut, das können wir mal die ersten Wochen so machen. Aber Chefredakteur ist nicht ein Job, der um 17 Uhr beendet ist. Das muss dir einfach klar sein. Und ich habe gesagt, das ist mir völlig wurscht. Also ich mache das aber so. Und auf die Art und Weise gab es eine Menge Dinge, die ich dann geändert habe, bei denen ich entschieden habe, und das machst du jetzt anders. Das hat dir nie gefallen. Warum solltest du Dinge tun, die dir nicht gefallen? Wirkt sich das dann im Alltag auf die Struktur ihres Alltags aus, oder? Ja, na klar. Ich habe dann später nochmal so eine schlechte Phase gehabt, als ich schon selbstständig war. Also nachdem ich da gekündigt hatte und mich als Schriftsteller selbstständig gemacht hatte, hatte ich nochmal so eine Phase, wo ich auch viel zu viel angenommen habe und mich selber in so ein Hamsterrad begeben habe und dann da drin rumgetrampelt habe. Und es war ja mein eigenes Hamsterrad, das ist ja noch döver. Und auch da gab es nochmal so eine Phase, wo ich mir auch Rat geholt habe, um meinen Alltag besser zu strukturieren. Und ja, das hatte dann sehr starke Einflüsse auf meinen Alltag. Ich habe dann viele Dinge abgestreift, abgesagt, nicht mehr gemacht oder anders gemacht.

00:23:47: Bernd Kammleitner (BNN): Sie haben ja gerade angesprochen, Maria, im Schmeckt's nicht, Ihr erster Erfolg, auch sicherlich der Durchbruch als Schriftsteller. Wie muss man sich das als Laie vorstellen? Viele würden ja gerne auch selbst ein Buch schreiben. Gab es da einmal, blinkt diesen Einfall, diese Geschichte oder ist es wie so ein Puzzleteil aus verschiedenen kleinen Zettelchen entstanden, die Sie im Laufe der Jahre notiert haben oder wie muss man sich das vorstellen? Es ist ein bisschen ungewöhnlich, weil es anders ist als bei anderen.

00:24:14: Jan Weiler: Ich hatte nicht die Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich hatte da nicht mal Lust drauf. Aber ich hatte im SZ-Magazin einen kleinen Artikel geschrieben über Italien und den fand eine Dame vom Ullstein Verlag so heiter und so witzig, dass sie mich zum Essen eingeladen hat und mich dann überredete, daraus ein Buch zu machen. Das war nicht meine Absicht. Aber die hat mich halt so überredet und dann habe ich gedacht, okay, jetzt hat die auch die Rechnung bezahlt von dem Essen und kommst jetzt irgendwie nicht raus. Und dann habe ich das halt zugesagt und habe dann in den Osterferien, da waren also die Kinder und meine Frau, die sind dann weggefahren für zehn Tage oder so. Und dann habe ich gesagt, okay, jetzt mache ich das. Und dann habe ich das in zehn Tagen geschrieben. Oder nach den Osterferien fertig, kam im September raus, 2002 oder 2003. Und ich habe dann gedacht, das ist super, da kriegst du dann so zehn Belegexemplare, dann hast du für die Nachbarn ein Geschenk, wenn du mal irgendwie zum Essen eingeladen bist oder so. Und ich habe gedacht, diese Karriere ist mit der Abgabe des Manuskripts schon beendet. Und dann ist das überraschenderweise, das hatte überhaupt gar keine Werbung, das Buch. Also die haben da jetzt nicht wirklich was für getan oder so. Das kam einfach raus. Und dann ging das auf die Bestsellerliste. Durch die Decke, ne? Erst nicht. Also erst in einem halben Jahr. Das ging in die Bestsellerliste aber so auf Platz 48 und dann in der nächsten Woche 38 und dann 34 und dann 41 und dann und so weiter. Und plötzlich von einer auf die andere Woche ging das dann von 41 auf 45. Und wir haben nicht rausgefunden, warum. Über Jahre. Wir wussten es nicht. Es war dann fünf Jahre lang in der Top Ten.

00:26:43: Bernd Kammleitner (BNN): Wissen Sie es heute, was ausschlaggebend war?

00:26:45: Jan Weiler: Ja, ich weiß, was ausschlaggebend war. Ausschlaggebend war eine Sendung von Jürgen von der Lippe. die ich damals nicht gesehen habe, die kann man auf YouTube, kann man sich das ansehen, der hatte damals im WDR Fernsehen eine Sendung, die hieß Was liest du? Und dort hatte der immer Gäste und dann haben die immer aus Büchern vorgelesen, die ihnen gut gefallen haben. Und in einer dieser Sendungen, da war glaube ich Annette Frier zu Gast, in einer dieser Sendungen hatte der Maria ihm Schmecks nicht. Und er, Lippe, las dann aus meinem Buch vor. In eine sehr lustige Passage. Und das war der Durchbruch für dieses Buch. Eine WDR-Sendung im dritten Programm, um 23.10 Uhr oder so, Und das hat dann dieses Buch so nach oben geballert. Und ich bin Jürgen dafür sehr dankbar.

00:27:41: Bernd Kammleitner (BNN): Haben Sie heute noch ein Exemplar zu Hause im Regal stehen?

00:27:44: Jan Weiler: Ja, ja. Ich habe viele davon im Regal stehen. Das Problem ist nämlich, Sie bekommen, wenn das nachgedruckt wird, pro tausend gedruckte Exemplare ein Belegexemplar. Es ist zwei Millionen Mal gedruckt worden. Das heißt, ich habe 20.000 Belegexemplare und irgendwann habe ich die gebeten, mir keine mehr zu schicken. Ich hatte aber trotzdem Tausende davon und als ich mal umgezogen bin, wurden die alle von einer Fachfirma abgeholt und da ist dann Dämmmaterial draus gekommen.

00:28:23: Bernd Kammleitner (BNN): Das ist aber schade, oder?

00:28:24: Jan Weiler: Ja, das ist sehr schade. Ich habe unheimlich viele davon verkauft. Ich glaube, in meiner Umgebung gibt es kein Altenheim, kein Kinderhospiz, kein Krankenhaus und keine Kindertagesstätte, wo nicht mindestens drei Exemplare von Maria im Schmeck sind. Mir sind irgendwann die karitativen Möglichkeiten ausgegangen, dieses Buch zu verschenken. Und dann musste es tatsächlich...

00:28:49: Bernd Kammleitner (BNN): Aber es ist immerhin recycelt worden.

00:28:50: Jan Weiler: Es ist immerhin recycelt. Das Buch wohnt jetzt in irgendeinem Familienhaus zwischen dem Esszimmer und der Außenwand oder so.

00:29:01: Bernd Kammleitner (BNN): In der Stadtbibliothek in Baden-Baden gibt es immer jährlich Flohmärkte. Wäre vielleicht auch noch eine Abnahmemöglichkeit.

00:29:06: Jan Weiler: Ja, ja, natürlich. Ich habe wirklich von diesen Belegexemplaren viele, viele, viele verschenkt.

00:29:13: Bernd Kammleitner (BNN): Jetzt ist ja auch gerade vor einiger Zeit ins Kino gekommen, die Älteren. Die Älter. Die Älter, genau. Wenn die Kütz Flüge sind und die Eltern dann sich selbst überlassen sind. Was ist das für ein Gefühl? Das kennen Sie ja auch. Ihre Kinder sind auch aus dem Haus.

00:29:29: Jan Weiler: Die sind weg. Meine Tochter schon ein bisschen länger. Mein Sohn auch schon seit drei Jahren im September. Das ist natürlich nicht schön. In meinem speziellen Fall ist es richtig doof, so in beruflicher Hinsicht, weil die dann nicht mehr liefern. Also die stehen dann einfach als Cast für meine Geschichten nicht mehr zur Verfügung. Das ist das Doofe. Und das Schöne ist natürlich, dass man sein Leben zurück hat. Also man befindet sich dann wieder irgendwie auf so einem Stand wie bevor die Kinder da waren, nur in einer anderen sozialen Umgebung. Und dann ist es an einem selbst, was man draus macht. Aber ich habe zum Beispiel sehr genossen, als mein Sohn ausgezogen ist, das erste, also erst habe ich es nicht gemacht, aber so nach einer Woche habe ich angefangen, meine Jacke auf den Boden zu werfen. Echt? Also quasi so wie die Kinder das immer noch machen, wenn sie reinkommen. Ich habe jahrelang, habe ich denen gepredigt, sie sollen gefälligst ihre verdammten Jacken aufhängen. Und dann waren sie weg. Und dann habe ich eines Tages im Flur gestanden und habe gedacht, ich habe die Jacke fallen lassen. Und es gibt dann eben auch kein, wie soll man das nennen, kein jugendliches Korrektiv in deinem Leben. Du kannst machen, was du willst. Ja.

00:30:47: Bernd Kammleitner (BNN): Das ist jetzt auch verfilmt worden, war im Kino, Sebastian Wetzel als Hannes und Diana Schutt, also auch prominente Schauspieler. Wie kommt man auf diese Schauspieler? Haben Sie da als Autor, Sie haben ja auch das Drehbuch geschrieben, Einfluss auf die Auswahl der beteiligten Schauspieler?

00:31:06: Jan Weiler: Einfluss, naja Einfluss, man hätte vielleicht eine Einspruchsmöglichkeit. Jetzt ist es aber so, der Film ist ja von Sönke Wortmann und Sönke ist hervorragend im Casting. der weiß schon beim Lesen des Drehbuchs ziemlich gut, wie er das gerne besetzen möchte und kann hervorragend mit den Schauspielern umgehen und sucht sich diesen Cast dann eben zusammen. Natürlich wird man dann gefragt von Sönke und auch vom Produzenten, in dem Fall Christoph Müller, was hältst du von dem? Oder wie findest du Sebastian Betzel oder Anna Schutt oder so? Und wenn man jetzt tatsächlich erhebliche Einwände hätte, könnte ich mir vorstellen, dass die das auch ernst nehmen, habe ich aber nicht. Finden, das ist ein fantastischer Schauspieler und ich weiß, dass sie mit Sönke dann sehr gut arbeiten werden, wenn er sich für sie entschieden hat. Und es ist ja auch so, das muss man immer auch dazu sagen, das ist ja nicht mein Film. Und man muss als Künstler akzeptieren, wenn der Film übersetzt wird in ein anderes Medium, dann ist ein anderer Künstler als du selber, hat dann den Hut auf, in dem Fall Sönke. Und das muss man akzeptieren, das ist manchmal nicht leicht.

00:32:33: Bernd Kammleitner (BNN): Aber mit ihm und mir, das klappt immer sehr gut. Wie muss man sich das als Prozess vorstellen? Es gibt den Roman, der natürlich auch viel umfangreicher ist als das, was letztendlich im Kinofilm dargestellt werden kann. Wer entscheidet dann, was vernachlässigt wird, was vielleicht noch ein bisschen ausgeschmückt wird?

00:32:51: Jan Weiler: Haben Sie da auch ein Mitspracherecht? Ja, da habe ich schon ein Mitspracherecht, erst recht, wenn ich das Drehbuch schreibe. Das Drehbuch ist ja die Übersetzung der Vorlage in ein anderes Medium. In dem anderen Medium gibt es andere Regeln. Also zum Beispiel, wenn ich in dem Buch schreibe, die Tür ging auf und Vater kam rein, dann weiß jeder Leser, jede Leserin, aha, offenbar geht die Tür auf und der Vater kommt rein.

00:33:17: Bernd Kammleitner (BNN): Im Drehbuch geht das nicht.

00:33:18: Jan Weiler: Da müssen sie schreiben, da geht die Tür auf, einer kommt rein und einer sagt Hallo Papa, damit die Leute wissen, dass das der Vater ist. Also es gibt in der Übersetzung in ganz, ganz vielen Mikroentscheidungen Änderungen zur Vorlage. Das ist halt so. Das ist auch bei anderen Verfilmungen so und hier und da muss man sich dann von Figuren verabschieden. weil die den Film nicht so voranbringen oder man muss sich von Szenen oder von einzelnen Handlungsbestandteilen verabschieden, weil die jetzt, sagen wir mal, kondensiert in 90-Minuten-Filmen nicht gut funktionieren würden. Man darf ja nicht vergessen, ich brauche, um das Buch zu lesen, vielleicht drei Abende. Ich brauche sechs Stunden, um das Buch zu lesen, aber im Kino sind nur 90 Minuten oder 100 Minuten. Da kann nicht alles drin sein. Und dann muss man sich gemeinsam auf eine... Handlung oder auf eine Umsetzung einigen. Das ist oft nicht leicht. Denn es gibt Dinge, die sind dem Urheber wichtig und es gibt Dinge, die sind dem Regisseur oder der Produktion wichtig oder sonst wem. Und das muss man alles, also gute Produzenten haben so eine Mediatorenaufgabe, die Wir müssen diese ganzen Bedürfnisse moderieren. Am Ende ist es im besten Fall so, dass alle denselben Film gemacht haben. Wenn du Pech hast, ist es so, dass der Urheber sagt, das hat überhaupt nichts mehr mit meinem Material zu tun. Aber das ist bei Ihnen offenbar nicht der Fall gewesen, ne? Es ist bei mir auch schon mal der Fall gewesen, aber nicht bei dem Film. Und es gibt auch Regisseure, die sagen, also wenn ich mehr Geld gehabt hätte oder mehr Zeit oder andere Leute, dann wäre es besser geworden. Also es gibt es alles immer.

00:35:18: Bernd Kammleitner (BNN): Jetzt sind Sie ja natürlich als Drehbuchautor auch am Entstehungsprozess beteiligt.

00:35:21: Jan Weiler: Ja.

00:35:22: Bernd Kammleitner (BNN): Gehen Sie dann auch am Schluss nochmal ins Kino, wenn er vielleicht bei Ihnen in der Nachbargemeinde oder bei Ihnen in München läuft?

00:35:29: Jan Weiler: Nee, ich habe ihn ja vorher schon gesehen, also im Schnitt und bei der Premiere. Und Premiere ist aufregend, das ist schön, das macht auch großen Spaß, weil es eine andere Welt ist, in der man dann mal ist für ein paar Stunden. Aufmerksamkeit ist groß, das macht Spaß. Auch Medieninteresse natürlich. Ja, und so roter Teppich und lauter so ein Quatsch halt. Das ist halt, um es mal erlebt zu haben, wirklich ganz witzig. Und da gibt es eine Party und so. Und dann ist es aber so, das ist den vielen Leuten im Publikum nie so ganz bewusst, wenn der Film ins Kino kommt ... sind alle Beteiligten schon ganz woanders. Also der Film ist gedreht worden letztes Jahr im Februar, März und ist genau ein Jahr nach dem Dreh ins Kino gekommen. Und sowohl Anna als auch Sebastian als auch Sönke oder ich haben in der Zwischenzeit ganz andere Projekte angefangen. Wir sind wirklich schon woanders und man steigt dann in so eine Zeitmaschine, um etwas zu promoten, was man möglicherweise ein Jahr vorher gemacht hat. Deswegen ist es so eine kurze, nette Aufregung in einem Alltag, der sich schon längst woanders hin entwickelt hat. Wir haben noch ein Kuvert. Jawohl. Da schauen Sie doch bitte mal rein, was Sie da noch erwartet. Es ist, verehrte Damen und Herren, der Rosa-Umschlag mit der Nummer 1. Und der Frage, raschel, raschel. Erinnern Sie sich an den einen Moment, der Ihren Durchbruch als freier Schriftsteller eingeleitet hat. Ja, ja, na klar. Das war die Einladung von Barbara Laukwitz vom Ulstein Verlag an mich zum Essen. Das war der Moment, wobei dieser Durchbruch ja nicht vorbereitet wurde von einem Nicht-Durchbruch. Also ich habe ja nicht darauf gehofft und lange Jahre mit mir gehadert und ständig bei Verlagen Bücher angeboten und mich gegrämt, weil kein Buch von mir erschienen ist, sondern sie hat mir das angeboten und ich habe es gemacht. Ich hätte nie gedacht, dass das irgendjemand kaufen will. Ich habe damals, als ich es abgegeben habe, da an Ostern, nach zehn Tagen, bin ich zu ihr, damals war die in München und ich bin zu ihr gefahren, habe einen Ausdruck und so einen USB-Stick, wo das drauf war. Vielleicht war es auch eine CD, weiß ich nicht mehr. habe ich ihr da in die Hand gedrückt und dann habe ich zu ihr gesagt, jetzt Frau Laugwitz, stellen Sie sich bloß mal vor, 3000 Menschen würden dieses Buch kaufen, die würden jetzt hier alle unten vor der Tür stehen, vorm Verlag. Und da hat sie mich so angeguckt und hat gesagt, wenn das 3000 Leute kaufen, werde ich gefeuert.

00:38:27: Bernd Kammleitner (BNN): Also sie ist immer noch im Dienst.

00:38:29: Jan Weiler: Oder ist sie noch? Ja, ja, ja, klar. Ja, die ist eine sehr erfolgreiche Verlegerin. Also die ist dann gewechselt zu Rowold, ist jetzt bei DTVs, hat eine super Karriere gemacht. Und es war auch nicht ihr einziger Erfolg. Die hatte einen Ruf als Entdeckerin von Talenten. Hat sie wahrscheinlich immer noch den Ruf. Und das Buch war dann halt eben ein Riesending.

00:38:56: Bernd Kammleitner (BNN): Ein solches Talent sind ja offensichtlich auch Sie, weil es ist nicht bei diesem einen Bestseller geblieben, sondern es folgten ja noch einige nach. Unter anderem das Pubertier, vermutlich das zweiterfolgreichste. Ja, richtig. Kriegen Sie da manchmal, jetzt kommen wir zu der Frage, die Sie ja schon so oft gestellt bekommen haben, von Ihren Kindern die Rückmeldung, wie kannst du nur? Nein.

00:39:20: Jan Weiler: Meine Kinder waren damit eigentlich immer einverstanden bis gleichgültig.

00:39:26: Bernd Kammleitner (BNN): Haben Sie sie auch wirklich gefragt oder haben Sie das mit ihnen gesprochen?

00:39:29: Jan Weiler: Nein, ich musste die nicht fragen, weil die Geschichten, die da sind über Carla und Nick, so heißen die ja in den Geschichten, Das ist ja erfunden, weitgehend. Das sind fiktionale Figuren. Meine Kinder heißen anders und die sind auch anders und ich habe eigentlich nie irgendwas Privates von denen erzählt, sondern ich habe das immer so gemacht, alle Geschichten mussten immer allgemein gültig sein. Ich habe dafür immer so ein Beispiel gehabt. Es gibt so Grenzen, wo man das Persönlichkeitsrecht der Kinder missachtet. Angenommen, sie machen so eine Kolumne und ihr Sohn hat zum Beispiel Neurodermitis oder Rheuma. und muss immer punktiert werden, was schmerzhaft ist und unangenehm und belastend, dann werden sie das nicht in dieser Kolumne schildern, weil das irgendwo rückführbar ist. Und dann erkennen den Leute und sagen, ah, du bist der mit der Neurodermitis oder so. Und das kann man also nicht machen. Und das geht auch niemandem was an. Das ist deren Sache. Wenn aber der Sohn nach Hause kommt und er hat auf dem Handy... Er hat aus Versehen ein Abo abgeschlossen für so Sexbildchen. Okay. Mit neun oder zehn. Dann fangen sie an zu recherchieren und stellen fest, das passiert jeden Monat 40.000. Weil das ein Geschäftsmodell ist. Weil es ein Geschäftsmodell ist, da hat man schnell draufgeklickt. Das geht auch mit Horoskopen und Songtexten und Klingeltönen früher. Da hat man ganz schnell aus Versehen so ein Abo abgeschlossen. Man kann das dann auch sehr schnell wieder kündigen und denen eine Nachricht schreiben, mein Sohn ist gar nicht geschäftsfähig. Und man kann das dann bei der Telekom blockieren, dass das nicht mehr eingezogen werden darf von diesen Anbietern, dadada. Das ist also ganz interessant. Das ist auch eine interessante Info für Leserinnen und Leser. Darüber kann man eine lustige Kolumne machen, weil das ganz viele Leute betrifft. Und das führt auch nicht direkt auf den Sohn zurück.

00:41:37: Bernd Kammleitner (BNN): Wenn man jetzt Kolumnist ist, muss man ja immer wieder neue Geschichten liefern. Ist das irgendwie ein Druck, der Sie irgendwie belastet? Oder gehen Sie das ganz locker an, weil Sie sagen, nee, mir gehen die Ideen nicht aus? Nee, gehen sie nicht.

00:41:52: Jan Weiler: Ich finde das keinen Druck. Ich finde im Gegenteil, die Kolumne, die gibt meinem Leben eine Struktur.

00:41:59: Bernd Kammleitner (BNN): Ich muss die mittwochs schreiben.

00:42:01: Jan Weiler: Ich habe jetzt gerade gestern, heute ist Donnerstag.

00:42:06: Bernd Kammleitner (BNN): Ja.

00:42:07: Jan Weiler: Gestern Morgen habe ich die Folge 990 geschrieben. Das heißt, es gibt es seit 990 Wochen. Und das bedeutet, es sind bald 20 Jahre, wo ich jeden Mittwoch bis 18 Uhr was liefern muss. Und zwar für die Welt am Sonntag als schriftliche Kolumne und für den Bayerischen Rundfunk als Tonaufnahme. Für mich ist das ein Riesenglück.

00:42:34: Bernd Kammleitner (BNN): Kommt dann der Text schon kurz vor 18 Uhr oder schon etwas früher?

00:42:39: Jan Weiler: Von mir zu denen? In der Regel gegen 18 Uhr.

00:42:44: Bernd Kammleitner (BNN): Also Sie nutzen das Zeitfenster, das Sie haben, dann auch einigermaßen aus?

00:42:47: Jan Weiler: Nee, ich nutze es eigentlich nicht aus, weil ich weiß, dass um 18 Uhr keine Sau mehr da ist. Und eigentlich reicht Donnerstag morgen kurz vor 10, bevor bei denen die Terminkonferenz losgeht, reicht auch. Und das ist mein Puffer. Also wenn ich es bis 18 Uhr am Mittwoch nicht schaffe, was gelegentlich mal vorkommen kann, dann wird die Kolumne halt am Donnerstag morgen um 7 fertig und dann nehme ich die auf. Und wenn die Kollegen in der Welt am Sonntag und im Bayerischen Rundfunk, wenn die am Donnerstag In die Konferenz gehen morgens, dann ist es auf jeden Fall da.

00:43:26: Bernd Kammleitner (BNN): Jetzt gibt es ja momentan aktuell das Beste von Ihnen. Wie wählt man denn jetzt aus fast tausend Kolumnen das Beste aus? Was ist da der Maßstab?

00:43:35: Jan Weiler: Der Maßstab ist gewesen, welche Texte waren am erfolgreichsten bei Lesungen. Also welche waren die, die ich am liebsten vorgelesen habe und wo ich bei den Aufführungen am meisten Bock hatte und wo die Leute am meisten gelacht haben und so. Die habe ich ausgesucht und noch sieben neue dazu, weil ich fand bei so einem Best-of, finde ich immer abgeschmackt, wenn da nur alte Sachen drin sind. Ich finde, da müssen noch neue drin sein.

00:44:04: Bernd Kammleitner (BNN): Wie ist es denn bei Lesungen? Laufen die jeden Abend gleich ab oder können Sie da auch variieren oder wollen Sie da vielleicht auch variieren?

00:44:12: Jan Weiler: Ich kann da variieren, wenn ich Lust habe. Haben Sie Lust? Bei dem Programm mache ich es nicht. Das ist ein festes Programm. Ich habe ein bisschen experimentiert. Das hat also im Oktober angefangen mit der Premiere und ich habe, glaube ich, so bis Dezember habe ich ein bisschen variiert, habe ich ein bisschen rumgeguckt, auch von der Abfolge her mal was umgestellt und Irgendwie so ab seit Mitte Dezember ist es eigentlich unverändert. Und das ist deswegen so, weil es halt eben eine Chronologie hat. Das hat also einen Handlungsfaden von vorne bis Ende. Die alten Bühnenprogramme hatten das nicht. Da konnte man einfach immer einen alten Text hinten rausschmeißen und einen neuen vorne dran machen, wenn man keine Lust mehr hatte, den alten zu lesen.

00:44:55: Bernd Kammleitner (BNN): Jetzt kommt man ja als Schriftsteller ganz schön rum im Land, eben durch die Lesungen. Wie erleben Sie denn die Veranstaltungsorte vor Ort? Sind da auch mal ganz mondäne Sachen dabei oder eben auch mal auf dem Land vielleicht ganz einfach? Also eine Kollegin oder die Stefanie Erdl hat mir neulich mal im Interview erzählt, dass gerade im ländlichen Raum sie oftmals am meisten umgaren wird und das mit am schönsten sei, weil die Leute sehr bemüht um einen sein, sehr fürsorgevoll. Wie erleben Sie das?

00:45:23: Jan Weiler: Das stimmt, da hat sie recht. Also das ist ja so, wenn man in Hamburg oder Berlin auftritt, dann ist man ein Angebot von sehr vielen. Also da muss man eben gucken, hat man auch sein Publikum, die kommen auch zusammen. Aber es ist viel umkämpfter. Und wenn man in einem kleinen Ort auftritt, dann hat man möglicherweise das Glück, dass die Konkurrenz nicht so groß ist. Und das ist auch für die Leute was Besonderes ist. Oder besonderer als in Hamburg-Eimsbüttel. Und deswegen stimmt, was sie sagt. Das ist in ländlichen Gebieten, in kleinen Orten, Häufig ein bisschen wärmer, weil auch die Veranstalter dort manchmal ja nicht totale Superprofis sind, sondern Kulturvereine mit einem Schatzmeister und einem Vorsitzenden und einem zweiten Vorsitzenden und Leuten, die sich ums Programm kümmern und die die lange sich um einen bemüht haben, weil sie die Bücher so gerne mögen. Und die freuen sich wirklich, wenn man kommt. Und das ist jetzt nicht in Berlin oder Hamburg oder Köln oder Frankfurt, Düsseldorf nicht unbedingt der Fall. Da ist man einfach in dem Theater, in dem Spielplan oder bei dem Veranstalter einer von 50 Veranstaltungen, die der macht.

00:46:49: Bernd Kammleitner (BNN): Wenn man jetzt dauernd unterwegs ist, ich weiß nicht, so eine Lesereise, 40, 50 Termine oder vielleicht sogar noch mehr, wie motiviert man sich da selbst jeden Abend? Weil man muss ja versuchen, immer das Beste zu geben. Aber vielleicht sind Sie auch mal einen Tag vielleicht nicht so gut drauf. Wie motivieren Sie sich dann, um trotzdem die Leute zu begeistern?

00:47:08: Jan Weiler: Also wenn ich mal nicht so gut drauf wäre, würden es die Leute nicht merken.

00:47:17: Bernd Kammleitner (BNN): Also Sie sind auch ein guter Schauspieler. Nee, das hat mit Schauspiel nichts zu tun.

00:47:21: Jan Weiler: Es hat was mit Bühnenehre zu tun. Die haben ja bezahlt. Und die haben dann, also selbst wenn es mir aus irgendwelchen Gründen nicht besonders gut gehen würde, hätten die aber trotzdem immer noch Anspruch darauf, dass ich für sie genauso gut performe, wie in einem Ort, wo ich mich jetzt glänzend fühle oder so. Aber ich schaffe das eigentlich seit 20 Jahren oder wie lange ich das mache, ganz gut, dass ich abends um 8, wenn der Lichtwechsel ist und man auf die Bühne geht, dass ich dann da bin. Ich habe da auch immer Lust zu. Ich habe noch nie eine Vorstellung gemacht und hatte da keine Lust drauf. Das halte ich auch für fatal.

00:48:08: Bernd Kammleitner (BNN): Viele Künstler haben ja, bevor sie auf die Bühne gehen, ein bestimmtes Ritual.

00:48:11: Jan Weiler: Haben Sie auch irgendwas? Ich schreibe von Hand sehr sorgfältig eine Setlist. Obwohl ich weiß, was ich vorlesen werde. Aber... Ich schreibe die Titel der Texte und die Seitenzahl im Buch sehr sorgfältig und seit über 20 Jahren mit demselben Stift auf. Das muss aber Bruder sein. Und da steht dann Baden-Baden, 22.04.1926, steht da oben drüber. Und dann kommen die ganzen Stücke und dann kommt ein langer Strich, wo die Pause ist. Und dann kommt der zweite Teil und dann kommt noch ein kleiner Strich und dahinter stehen die beiden Zugaben. Und diese Gewohnheit, dieses Ritual führt dazu, dass ich beim Schreiben anfange, mich zu konzentrieren. Und dann auch in die Zwischenmoderation kurz reingehe. Und dann mache ich das, und dann mache ich das, und dann mache ich das. Und weil ich das erst kurz vor dem Auftritt mache, so um Viertel vor acht, bin ich ab da im Programm. Das ist sozusagen mein Ritual, um ins Programm reinzukommen. Und ich habe diese ganzen Setlisten alle gesammelt. Die sind in zwei Aktenordnern bei mir im Büro. Und man kann anhand dieser Setlist genau sehen, wie sich das Programm über die Jahre entwickelt hat.

00:49:39: Bernd Kammleitner (BNN): Wie man es auch bei vielen Künstlern nachverfolgen kann, bei Bands, die Setliste im Internet, genau.

00:49:45: Jan Weiler: Genau.

00:49:46: Bernd Kammleitner (BNN): Jetzt haben Sie ja vorhin erzählt, wenn irgendein Projekt gerade aktuell ist, jetzt in dem Fall der Kinofilm, ist das ja schon lange abgedreht. Wenn wir jetzt hier sitzen, denken Sie ja auch schon wieder an das nächste Projekt. Es ist ja schon bekannt, dass ein neues Buch von Ihnen erscheinen wird, das Vogelhaus. Mhm. Termin ist, glaube ich, am 16. September. Ist es schon fertig oder in den letzten Zügen, glaube ich?

00:50:10: Jan Weiler: Das ist ganz fürchterlich, dass Sie das ansprechen, weil es gibt schon, ich habe jetzt vorletzte Woche, haben die mir die Werbung geschickt und die Werbemaßnahmen und das Cover ist fertig und bei Amazon kann man das auch schon sehen und es gibt Promotion-Termine schon und TV-Sendungen und es gibt... Einfach im Verlag und drumherum gibt es eben Menschen, die jetzt schon alles Mögliche auch für die Buchmesse vorbereiten, was man dann alles machen muss. Jetzt muss nur noch irgendjemand das Buch schreiben. Aber das sind Sie, ne? Deswegen blöder weiß ich. Und ich gucke dann immer ganz begeistert auf die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen im Verlag, die sich schon ganz toll eingesetzt haben dafür. Ich stehe so bewundernd davor, bis mir einfällt, Achso. Es wird so um die 300 Seiten haben, das Buch. Ich habe 200. Und den Rest mache ich jetzt, wenn ich in Baden-Baden fertig bin.

00:51:15: Bernd Kammleitner (BNN): Und wie muss man sich diesen Einfall vorstellen, aus dem dann letztendlich ein ganzes Buch wird? Da macht es einmal Blink und Sie haben jetzt die Idee oder haben Sie irgendein Erlebnis, was Sie auf die Geschichte bringt? Oder in dem Fall, wie ist da, was war der Auslöser für diese Idee?

00:51:32: Jan Weiler: Ja, es gibt manchmal ein Gefühl, auch ein Lebensgefühl. Und das Lebensgefühl war, dass ich so dachte, Menschen tragen ihre Ängste ihr ganzes Leben lang mit sich rum. Dinge, vor denen man als Kind Angst hat, vor denen hat man auch als Erwachsener Angst, häufig. Und dieses Lebensgefühl, woher kommt das, woher kommen diese Ängste? Und wie kann man eine gute Geschichte darüber erzählen? Das ist dann eigentlich eher der Ausgangspunkt. Es sind weniger Erlebnisse oder Figuren, sondern es ist so ein Lebensgefühl, German Angst. Es gibt ja diesen Begriff für diese Ängstlichkeit der Deutschen und die Ängstlichkeit eines Deutschen zu erzählen und woher sie herkommt, das ist vielleicht ein bisschen der Anlass gewesen, die Geschichte dann zu erfinden.

00:52:24: Bernd Kammleitner (BNN): Sind Sie selbst auch ein ängstlicher Mensch oder würden Sie sich als ängstlich bezeichnen oder gar nicht?

00:52:31: Jan Weiler: Doch, eher schon. Also sagen wir es mal so, ich bin kein todesmutiger Mensch. Also in dem Sinne, als ich nicht Bungee-Jumping oder irgendwie so Helikopter-Skiing und so komische Dinge, die smile ich. Ich habe merkwürdigerweise, obwohl ich eigentlich ein ängstlicher Mensch bin und auch ein relativ scheuer Mensch bin, in meinem Leben trotzdem Entscheidungen getroffen, die im Nachhinein sehr mutig waren. Also zum Beispiel zu sagen, ich kündige und ich werde jetzt freier Schriftsteller, das hätte ja auch in die Hose gehen können und das wäre ganz doof gewesen. Also ich habe häufig dann so für mich, gerade in beruflicher Hinsicht, sehr weitreichende und sehr schnelle Entscheidungen getroffen, von denen andere gesagt haben, oh, das war sehr couragiert von dir. In anderen Dingen bin ich aber auch extrem vorsichtig. Also ich bin ja dadurch, dass ich diese Lesereisen mache, gehe ich durch viele nächtliche Fußgängerzonen Und Parks in Städten. Und da passe ich wahnsinnig auf. Also dass mir da nichts passiert.

00:53:42: Bernd Kammleitner (BNN): Aber Sie haben noch nie eine schlechte Erfahrung gemacht, oder?

00:53:45: Jan Weiler: Ganz komisch. Ich bin auf Lesereise. Seit 23 Jahren mache ich Lesereisen. Ich bin deutlich über 1000 Mal aufgetreten in der Zeit. Und erstaunlicherweise ist mir noch nie irgendetwas passiert. Sehr schön, oder? Ja, das ist sehr schön. Also auch nicht beklaut worden oder irgend so was. Also überhaupt nicht, dass ich wüsste. Dann ist die Welt doch nicht so schlecht, wie sie immer ist. Nee, die Welt ist überhaupt nicht schlecht. Wir machen sie nur schlecht. Die Welt ist immer gleich. Ich glaube, das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich echt vorsichtig bin. Ich passe schon echt auf mich auf. Aber ich sehe darin nichts Nachteiliges. Aber

00:54:30: Bernd Kammleitner (BNN): Wenn Sie lesen, Sie haben mal im Interview mit uns erzählt, dass Sie gar nicht so viel lesen, weil Sie nicht so sehr viel Zeit haben, weil Sie selber viel mehr schreiben, aber bevorzugen Sie dann auch das haptische Exemplar oder eher dann ein Hörbuch?

00:54:44: Jan Weiler: Ja, ich bevorzuge das gedruckte Buch. Ziehe es auch dem E-Reader vor und zwar aus einem ganz lustigen Grund. Ich mag gerne beim Lesen den rechten Daumen in das Buch reinlegen und dann das Buch zuklappen und gucken, wie viel ich schon habe. Also ich habe schon einen Zentimeter von diesem Buch und dieses haptische Erleben, dieses Bewältigen von Material, dieses Hinter-sich-lassen von Seiten, finde ich unheimlich befriedigend. Ich finde es schön. Und wenn ich einen E-Reader habe und da steht, ich habe das Buch zu 38,7 Prozent gelesen, finde ich das, es ist ja dasselbe wie mit dem Daumen zu gucken, aber es ist trotzdem nicht so schön.

00:55:35: Bernd Kammleitner (BNN): Und ich mag schöne Dinge. Wenn Sie nochmal anfangen würden, was würden Sie dann machen? Würden Sie es genau nochmal machen oder was würden Sie gar nicht mehr machen?

00:55:45: Jan Weiler: Nö, ich würde das eigentlich weitgehend nochmal so machen, weil auch die, vielleicht wenn man mal eine Fehlentscheidung getroffen hat oder sich in ein Projekt verrannt hat, das dann nichts geworden ist oder so, dann führt das ja häufig anschließend zu den richtigen Entscheidungen. Ich habe vor dem Pubertier an was anderem gearbeitet, das ist nichts geworden und das musste dann abgebogen werden. Das habe ich lange daran gearbeitet und es hat einfach nicht gut funktioniert. Und dann mussten wir irgendwas machen für den Buchhandel, um die Zeit zu überbrücken bis zum nächsten Titel. Und eine Dame schrieb mir eine Mail und sagte, hey, machen Sie doch mal ein Buch nur mit den Geschichten über das Pubertier. Die finde ich nämlich am lustigsten bei der Kolumne. Und dann haben wir so schulterzuckend gesagt, naja, das könnte ja was sein, dann machen wir das. Und diese Entscheidung hätte ich nie getroffen, wenn ich nicht vorher eine falsche Entscheidung getroffen hätte für ein anderes Projekt. Und deswegen sind die falschen Entscheidungen ganz häufig wegbereitend für gute Entscheidungen. Und deswegen müssen auch falsche Entscheidungen dringend und leidenschaftlich getroffen werden.

00:56:57: Bernd Kammleitner (BNN): Vielen Dank für das Gespräch. Jetzt zum Abschluss, würden Sie uns einfach noch eine Frage nennen an einen Gast, die Sie gerne stellen würden?

00:57:05: Jan Weiler: Also ja, unbedingt. Und zwar im Lichte des Ortes, an dem wir uns befinden, lautet diese Frage, diese dringende und von allen zu beantwortende Frage, baden, baden oder duschen, duschen? Okay. Gut, vielen Dank. Bitteschön.

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